• Benjamin Lehmann

Herr Rossi sucht das Glück...

Als ich Kind war, wurde ich, was „Glück“ angeht, sehr geprägt von einer italienischen Zeichentrickserie, die ab und zu im deutschen Fernsehen lief: Herr Rossi sucht das Glück.

Herr Rossi war das, was man heute „Otto Normalverbraucher“ nennen würde. Zusammen mit seinen Hund Gaston wollte er nichts sehnlicher, als einfach nur ein bisschen Glück:


Denn Herr Rossi sucht das Glück... sucht man es, so fehlt ein Stück, ja es fehlt ein Stück vom Glück Ja, Herr Rossi hat 'nen Wunsch, Eis vom Nordpol, flambiert, mit Punsch, eine Schokoladenburg - 3 Stück Kuchen, 6 Kaffee, 20 Törtchen, dazu Tee - Was noch, was noch, was noch? Ja, Herr Rossi möcht noch mehr, so ein Auto macht was her, auch mal Sekt, statt immer Milch - mal wie 'n Reicher sich benehmen, in der Spielbank Geld ausgeben - Was noch, was noch, was noch? Ja, Herr Rossi sucht das Glück, er will nur vom Glück ein Stück.

Link zum Intro der Deutschen Serie: https://youtu.be/P1verfBelLg


Natürlich gehört es zum Gesetz der Serie, dass stets etwas dazwischen kommt und er letztendlich immer scheitert.


Aber Glück, dass war bei Herrn Rossi immer materielle Dinge. Ich fragte mich als Kind: Wurde man nur glücklich, wenn man viel besaß? Machte das Gefühl des „Glücklichseins“ nur die Anzahl der Geschenke an Weihnachten oder am Geburtstag aus?


„Sei fortunato“ sagt der Italiener, „du hast Glück gehabt“. Dahinter steht die Glücksgöttin Fortuna, eine eher wankelmütige und vielschichtige Göttin, welche die Gaben ihres Füllhorns, z.B. gutes wie schlechtes Schicksal, Glück und Unglück, stets ohne Ansehen der Person verteilt. Auf stilisierten Bildern sieht man jedoch auch immer wieder, wie schöne, begehrte Dinge aus dem Füllhorn purzeln – also doch wieder alles nur materiell?


„Fortune“ ist daher im englischen auch das „Vermögen“ – und was bei uns der Wahrsager ist, der uns Lebensglück voraussagen soll, ist im englischen der „fortune-teller“, der uns den Reichtum prognostizieren soll.


Friedrich der Große wollte jedoch keine vermögenden Generäle, wenn er legendär forderte, dass er Generäle brauche, die nicht nur tüchtig sind, sondern auch „Fortüne“ haben…


„Mazel tov“ wünscht man sich im jiddischen – viel Glück! Fehlt dieses, dann steckt man im Schlamassel oder hat es eben vermasselt. Mazel bedeutet dabei ursprünglich „Sternzeichen“ – ist es also doch eine übergeordnete Macht, die entscheidet, wer Glück zugeteilt bekommt oder nicht?


Nein, denn letztendlich ist ja jeder seines Glückes Schmied. Wir sollen nicht auf die Sterne oder auf Fortuna hoffen, denn da könnten wir ja lange warten, sondern unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, dem Tüchtigen schlägt keine Stunde! Das klingt mir aber doch zu sehr nach protestantischem Arbeitsethos….

Was ist Glück!?! Glück ist doch was für Augenblicke, für Erinnerungen, für die Zigarette danach, ach um Himmelswillen Rauchen, Trinken, Völlerei. Unsere Vorfahren retteten ihre Seele, wir retten unsere Figur. Keine Frage: Wir haben eine neue Religion – die Fitness. Wir kasteien uns mit Diät- und Fitnessterror und vergessen darüber fast alles, was das Leben ausmacht.


Und egal, wie wir uns anstellen, manchmal läuft es im Leben einfach nicht. Laut FitnessApp müsste ich jetzt 4 von 6 Sixpacks haben, ja laut Algorithmus heute um 16:04, aber, ich scheitere und viele andere eben auch. Geliebte Menschen sterben. Wir werden krank. Wir werden von unserem Partner verlassen. Unser Smartphone fällt runter, dieser Aufzählungspunkt löst hier vermutlich die größte Panik aus 🙂.

Je mehr wir uns darauf fixieren, glücklich zu sein, desto mehr fällt uns auf, was uns davon abhalten kann. Oder anders ausgedrückt: In dem Moment, in dem du dich fragst, ob du glücklich bist, bist du es nicht mehr, kannst du es gar nicht sein, da läuft unser Analyseprozessor auf Hochtouren. In uns ploppen Exceltabellen auf mit Pros und Cons, mit Hätte, Würde, Könnte und Wenn, wenn ist ganz wichtig bei diesen Überlegung, wenn…dann…


Die Sache ist die: Glück ist ein Nebenprodukt, das entsteht, wenn wir ein selbstbestimmtes und sinnvolles Leben führen. Wenn wir also das Gefühl haben, eine gewisse Kontrolle über unser Leben zu haben, und Dinge tun, die bedeutungsvoll sind und uns erfüllen.


Und bitte, nein, das vegane Mittagessen „in a bowl“ auf Instagram zu posten ist nicht bedeutungsvoll. Sorry.


Was ist denn nun Glück?!? „Glück ist die Verlegenheit, die entsteht, wenn es keine größeren Ziele im Leben und in der Gesellschaft mehr gibt.“ - Das ist was mit Anspruch, das mach ich noch mal. 🙂


„Glück ist die Verlegenheit, die entsteht, wenn es keine größeren Ziele im Leben und in der Gesellschaft mehr gibt.“ Klingt schwer verdaulich, ist es auch.


Dabei war in den zurückliegenden Jahren viel über das Glück zu erfahren, ob wir wollten oder nicht. Aber deutlich wurde auch: Das Glück wird überschätzt. Die damit verbundenen Erwartungen sind maßlos und heillos übertrieben. Maßlos, weil es so viel Glück gar nicht geben kann. Heillos, weil so hohe Erwartungen nur noch unglücklich machen können.


Es war interessant mitzuverfolgen, wie diese neue Norm entstanden ist. Norm? Die Norm des Glücks? Fein durchprozessiert nach DIN 🙂 Quasi die ISO Glück. Es ist ein historisches Lehrstück: Niemand hat sie verkündet, keine Instanz hat sie verordnet, da waren nur immer mehr Menschen, die das Glück suchten, angeregt und bestärkt von einigen Kommunikatoren, die darüber schrieben und schrien und es ganz sicher gut mit uns meinten.


2019 übrigens hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vier mögliche Glücks-Rezepte überprüft: Altruismus, also die Bereitschaft, anderen zu helfen, Familienorientierung, der Glaube, ach und dann noch Geld und Karriere. Was kam heraus?


Am glücklichsten sind Menschen, die eine glückliche Disposition in ihren Genen haben. Na toll, also null Einfluss von unserer Seite möglich. Und dann sind die glücklich, die genügend Einkommen haben, – aber es muss kein Spitzeneinkommen sein – sich um ihre Familie kümmern und gerne mit Freunden oder Nachbarn zusammen sind. Religiosität hilft ein ganz kleines bisschen, während das Streben nach hohem Einkommen und Status nicht hilft. Armer Herr Rossi.


Das heißt nicht, dass Leute mit einem hohen Einkommen nicht auch zufrieden sein können und es auch sind. Das liegt daran, dass sie in der Regel angenehmere Berufe haben als andere mit einem niedrigen Einkommen. Aber sie könnten noch zufriedener sein, wenn sie sich mehr um ihre Familie und ihre Freunde kümmern würden. Das ist aber nicht so einfach, weil beruflicher Erfolg viel Zeit auffrisst.


Zeit, Familie, Freunde, das macht also das Glück aus, wenn es uns in den Genen liegt. Falls die genetische Disposition fehlt, tut es manchmal – wenn man der Werbung glauben schenken darf, auch ein Bier, das schön kalt und erfrischend, im Kreise der Freunde genossen, glück, glück glück die Kehle herunterrinnt…


Apropos Bier, ein Fass müssen wir noch aufmachen.


Humor. Glück ohne Humor schließt sich für mich persönlich aus, wie ist es bei euch?

Es ist eine erwiese Tatsache, dass Kinder noch 400 Mal am Tag lachen, ein Erwachsener reduziert sein Lachen auf 15 bis 20 Mal am Tag. In deutschen Amtstuben soll man an manchen Tagen gar kein Lachen messen können. Fatal! Und ja: am wenigsten lachen wir am Arbeitsplatz: Hier reduziert sich der Wert auf im Schnitt auf 5 Mal am Tag und in manchen Positionen und Abteilungen auf Werte, die weit darunter liegen. Wissenschaftlern stufen diese „Lachlosigkeit“ sogar als gesundheitsgefährdend ein. Kein Witz: Im Geschäftsleben sind humorvolle Menschen erfolgreicher als ihre griesgrämigeren Kollegen. Das bestätigen mehrere Studien.


Lachen und Freude ist eine urmenschliche Eigenschaft und zehnminütiges, herzhaftes Lachen hat deshalb die gleiche Wirkung wie ein einstündiger Jogginglauf. Es dürfte auf der Hand liegen für was ich mich regelmäßig entscheide. In der Regel muss ich nach so einem Lachflash weder Duschen noch die Kleidung wechseln. Also in der Regel! 🙂


Lachen, Freude und Glück sind Begriffe, die ein positives und zufriedenes Weltbild vermitteln. Menschen, die sich dazu mit einer humorvollen Aura umgeben, werden von anderen immer als positiv eingestellt wahrgenommen. Es ist daher wichtig herauszufinden, was eine humorvolle, dem Leben mit Freude zugewandte Haltung, in unserer Welt von Zahlen und strukturierten Abläufen zu bieten hat.


Und die Flucht ins Glück ist mehr als verständlich: Wir wollen unsere Ruhe haben! Ja, wir wollen uns eine Insel im Meer „stürmischer Veränderungen“ schaffen. Wir wollen nichts mehr, oder nicht noch mehr wissen vom Bösen dieser Welt, von Corona. Haben sie gemerkt, das Wort ist bisher noch nicht einmal vorgekommen und es lag so auf der Hand, es daran aufzuziehen. Da halte ich es mit den Clowns. Neben den Regeln des Clowns, beispielsweise mit Übertreibungen zu arbeiten, ist es in erster Linie Unerwartetes zu tun, also die Erwartungshaltung nicht zu erfüllen. Es geht um die Überraschung! Überrasche dich und noch viel wichtiger! überrasche andere. Das Glück alleine genießen? Klar geht auch. Aber: Ähnlich wie beim Sex, immer nur allein – irgendwann fehlt die Überraschung und du denkst: Okay, der Ausgang der Geschichte war jetzt absehbar. 🙂 Sinnlichkeit und Glück miteinander zu teilen macht eben mehr Spaß als allein. Jemand anderen zu überraschen und wirklich glücklich zu sehen, das macht ein echtes WOW-Gefühl. Das Anders, die Überraschung, das Unerwartete, die Sache von oben, von unten und von der Seite denken, ermöglicht ein freudiges Herangehen und fördert den viel gerühmten Perspektivwechsel: Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen und danach zu handeln. Zu einer modernen Firmenkultur, die ständig an neuen Entwicklungen und Verbesserungen arbeitet, gehört die Fähigkeit des Wahrnehmungswechsels zum wichtigsten Know-how.


Nicht nur für Führungskräfte, nein, jedem Einzelnen empfehle ich ausdrücklich dieses Muster ins eigene Repertoire aufzunehmen.


Das soll bitte nicht heißen, im beruflichen Alltag den Clown zu spielen oder jederzeit Witze zu erzählen oder immer lächelnd im Büro zu sitzen. Obwohl, nette Idee. 🙂 Nein, es geht darum Humorstrategien zu kennen, um damit neue Wege in der Kommunikation, im Leben, auf dem Weg zum Glück zu entwickeln. Und auf dem Weg zum Glück gibt es nicht nur den einen Weg, die eine Entscheidung. Glück kommt und geht. Unglück auch. Aber im Unglück denken wir automatisch: Das bleibt jetzt für immer so.


In diesem Sinne lasst uns Unerwartetes tun. Mach noch heute jemanden glücklich.

Und bitte lache, lache gaaanz viel 20 mal Tag oder 10 Minuten am Stück. 🙂

Und ich mache euch jetzt noch ein wenig glücklicher, als sie ohnehin schon sind, und erkläre das reichhaltige Buffet im Foyer als eröffnet! Okay, okay so gar nicht zufällig liegen der Scherzkeks und der Glückskeks dicht beieinander…🙂


Glückliche Weihnachten! 🎄

Und ein frohes neues Jahr.


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