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IKTS: We are back | Reisen in der alten-neuen Welt


Ich starte also am 1. August zu meiner

6-tägigen „pandemischen“

Reisebustour: „Südengland – kompakt“; Sonderbedingung: „Wir müssen mit dem Virus leben“. Die Tour ist seit Jahresanfang geplant. Weil der entsprechende Veranstalter und einige Reiselustigen „es wagen“, bin ich zufällig früh dran.

Ich habe das Gesundheitsrisiko erwogen. Für mich ist es „kalkulierbar“, ein „Restrisiko“ bleibt. Wir werden alles tun, um es so gering wie möglich zu halten. Das Leben ist lebensgefährlich.

Sicher werde ich einige der vielen Reisebegleiter, die immer zwischen London und Cornwall unterwegs sind, treffen. Bei meiner Agentur bin ich der erste, der losfährt. Als meine KollegInnen das am Tag vor der Abreise erfahren, wünschen sie mir viel Glück. Sie sind sehr interessiert. Sie wollen unterrichtet werden. Verständlich. Alle wollen, dass es wieder los geht, nicht

nur, weil wir unser Geld damit verdienen. Sie schicken mich auch in ihrem Namen auf die erste Fahrt. Obwohl wir nicht zusammen sind, fühle ich mich ihnen sehr verbunden. Also „Leinen los“.

Vor mir liegt meine schöne altbekannte englische Welt, die ich im Bus erklären und mit den Gästen erlaufen werde, die wir „begreifen“, wo wir können, und zu der ich hin und wieder eine kräftige Meinung abgebe. Anregung ist wichtiger als Information.


Ich kenne die Tour in- und auswendig: Die Strecken und Unterkünfte, die Strände und Riffe, die Herrenhäuser und Gärten, die Kirchen und Kulturdenkmäler, die Persönlichkeiten und Berühmtheiten, die Engpässe und die Handgriffe.


Frauen dominieren die Reisegruppen - immer, oft mit verfassungsändernden 2/3 Mehrheiten! Ich stelle gerne große Frauengestalten vor; ein bunter Strauß von ihnen hat in den Gegenden gelebt, durch die wir kommen: Agatha Christie, Rosamunde Pilcher, J. K. Rowling, Daphne du Maurier, Virginia Woolf und Jane Austen!

Man kann aufgeweckten Frauen nicht nur von Panzerkreuzern, Erzbischöfen und Pferdestärken erzählen und zur Auflockerung ein paar frauenfeindliche Sottisen des zigarrenpaffenden Churchill zum Besten geben.

Meine Erwartung? Ich bewege mich wieder unter weiten Horizonten, auf gewundenen Pfaden und durch winkelige Gässchen....ach ja, mit zwei Meter Abstand und maskenverschleiert! Andere Bilder zu dem was ich sehen werde habe ich nicht.

Die Verschiedenartigkeit der Menschen, die im Bus zum ersten Mal in ihrem Leben aufeinandertreffen, die Klippen, die man mit ihnen umschiffen muss. Die Sehenswürdigkeiten und die dazu gehörenden Geschichten sind meist so spektakulär und bedeutsam, dass man die Gäste leicht damit zum Staunen bringen kann: Junge und Alte und im besten Fall: Kinder und Philosophen.

In der Vorbereitung gab es viele Covid-19 Erklärungen, mit neuen An- und Aufforderungen und zusätzlichen Verhaltensregeln. Wie gesagt: „mit 2 Meter Abstand, Maske und Handlotion“. Jedes Hotel, jeder besuchte Ort hat sein eigenes Corona-Konzept. Diese sind sicher schon überall in Kraft und mit anderen Reisebustouristen durchgespielt und praktiziert worden. Ich werde das in meiner Gruppe erklären, verpflichtend machen und einüben. Die Mitreisenden werden ein Einsehen haben; es geht zu offensichtlich um die Gesundheit aller Beteiligten.




Meine Reisegruppe war im Laufe der letzten Tage auf 10 Personen zusammengeschrumpft. 3 Kinder sind dabei; die tauchen immer auf, wenn in Deutschland Ferien sind. Schade, ich hätte mir auch doppelt so viele Mitreisende zugetraut. Nach allem, was die Menschen in den letzten vier Monaten erfahren und erlebt haben gehört ein bisschen Mut dazu, wieder im Bus durch die Welt zu reisen; und Vertrauen in den Veranstalter. Je nach Nachrichtenlage kann einem im letzten Moment das Zutrauen auch noch einmal abhanden kommen.



Die Eindrücke, die wir haben werden, können vielleicht etwas blasser sein als sonst; nach dem langen Stillstand muss vieles noch aufpoliert werden. Die alten Kleider werden mit Schutzcape und das Gesicht mit Schleier versehen sein. Es gibt Ein-Weg-Systeme, Pfeile am Boden wie bei der Schnitzeljagd; das kennen wir schon aus Deutschland und England.

Kurzfristige Umplanungen wird’s geben. Die Politik ist auch für ruckartige Entscheidungen gut. Hoffentlich kein längeres Anstehen, keine größeren Umwege und genügend öffentliche Toiletten.

Ich muss die Gruppe am Flughafen abholen. Um 9.00 Uhr. Sie kommen mit verschiedenen Fliegern an. Das ist immer die kniffeligste Situation bei dieser Tour: bis man sie endlich alle zusammen und im Bus hat. Philipp hilft dabei. Wir kennen uns gut, ein bekanntes Gesicht, wir freuen uns uns wieder zu sehen - also „wie immer“ - natürlich hat auch er einen Gesichtsschutz auf. Das müssen wir jetzt automatisieren, für die nächsten 6 Tage.

Aber bis wir uns sehen, bin ich schon verunsichert. Ich komme immer früh zum Flughafen; auch diesmal: 7.00 Uhr, man weiß ja nie. Da ist aber fast kein Mensch zu sehen. Na ja, so früh...und „Corona“. Wir treffen uns immer am Café Costa. Ich schaue auf die Anzeigetafel, suche meinen Hauptflieger. Der erscheint nicht. Ich frage den Kollegen eines anderen Unternehmens, der einzige weit und breit. Wir rätseln, wir kontaktieren die Fluggesellschaft. Der Flug ist gestrichen. Mit ihm sollen 6 meiner 10 Gäste anreisen. Tief durchatmen! Ich nehme Kontakt mit dem „Büro“ auf: Die wissen von nicht's. Noch tiefer durchatmen! Jetzt steht die Tour auf dem Spiel. Das hatte ich allerdings noch nie. Es beginnen Stunden des Telefonierens, Wartens, Hoffens, Leute bei Laune Haltens. Denn pünktlich um 9.00 Uhr trudeln 2 Damen mittleren Alters in den Terminal 5 ein – unübersehbar - es ist ja sonst kaum einer da. Ich weiß sofort, die gehören zu mir, was dann auch der Fall ist. Heißt das, dass die Tour stattfindet, auch wenn kein anderer mehr kommt!? Um ca. halb zwölf kommt Philipp – also deutlich verspätet - „aber das holen wir schon wieder raus“ – mit den letzten 6 Gästen vom Flugsteig 2 an: Das ist immer der große Moment. Ich könnte spitze Schreie ausstoßen. Alle sind da. Die alte Welt beginnt ihren Tag. Aber ungewöhnlich dunkle und bedrohliche Wolken sind am Himmel.

Zwischenbilanz: Reiseabsagen bis zum letzten Tag, nicht mitgeteilte Flugumbuchungen, 6 Gäste hatten zweieinhalb Stunden in einer Schlange vor der Migration gestanden: Brexit-Übung oder Seuchenbekämpfung?

Der Busfahrer klang komisch: der Parkplatz, auf dem sie immer warten, bis sie zur Bushalte 16 vorgerufen werden, existiert nicht mehr!? Ich solle ruhig bleiben, er würde einfach in den Busbahnhof fahren und dort warten. Er scheint sich auszukennen und denkt mit. Das entlastet und hält die ganze Fahrt über an. Aber wie oft haben wir nicht die schiere Autorität des Marshalls kennengelernt: „Ohne mich geht hier nichts!“ Hoffentlich taucht er nicht doch noch auf und scheucht unseren Bus wieder auf 0 zurück. Aber richtig, wenn es keine Reisebusse gibt, wenn es sie seit 4 Monaten nicht gegeben hat, dann wird auch der brüllendste Obereinweiser zum Papiertiger oder funktionslos. Parkplätze werden nicht gebraucht. Die Bussteige sind leer. Wenn es erneut wenigstens zwei Busse gibt, wird ein Marshall schon wieder auftauchen. Aber wir sind allein. Nur das wusste ich nicht, nein, das konnte ich mir nicht vorstellen!


Bei dem ganzen Procedere habe ich das Café Costa, den ausgeschriebenen Treffpunkt, im Augenwinkel. Es ist dabei, nach monatelanger Schließung, seine Wiedereröffnung vorzubereiten. Die „alten Bilder“ interpretieren die Wirklichkeit und spielen der Wahrnehmung einen Streich. Es gibt nämlich Absperrbänder, Stühle und Tische sind aufgestapelt, die „Bedienung“ bereitet nicht den Kaffee vor, sondern reinigt die Kaffeemaschinen. Aber das sehe ich nicht. Für mich bereiten sie das Tagesgeschäft vor und werden „nachher“ aufmachen, wie sicher in den vergangenen Tagen auch. Das Café ist aber seit Monaten geschlossen und noch nicht wieder eröffnet worden.

Ich muss genauer hinschauen oder nicht denken sondern nachdenken!

Ist das die „Alte Welt“, mit ein paar Unwägbarkeiten des Neustarts der alten Praxis oder eine „Neue Welt“, die ich dann aber noch nicht kennen kann?

Jetzt beginnt das Vexierspiel im Kopf: mein traditionelles „Weltbild“ wehrt sich kräftig.

Als wir endlich zusammen sind, gehen wir zum Bus, ein 58-Sitzer für 10 Gäste...wunderbar: für die internen Sicherheitsabstände zum Beispiel. Wir richten uns coronagerecht und trotzdem komfortabel ein.


Jetzt habe ich das Mikro in der Hand.

Damit kann man die Situation beherrschen. Um so mehr bei einer kleinen Gruppe. Die Gäste wissen natürlich auch nicht recht, was sie erwartet. Die üblichen Fragen: „Toilette, Wasser, können wir..., müssen wir..., dürfen wir auch...tausend mal gehört, tausend mal beantwortet.

„Alles wie immer“ gewinnt die Oberhand.


Es geht direkt nach Stratford-upon-Avon. Wir sind in der Spur. Die Landschaft sieht aus wie immer im Hochsommer. Es ist ein wunderschöner Tag. Zu Shakespeare und seinem Geburtsort gibt es viel Interessantes zu erzählen. Mit kleinen Frage-/Antwortspielchen versuche ich die Motive und das Vorwissen der Gruppenmitglieder zu taxieren. Es gibt große Altersunterschiede.

Adressatenorientierung ist in unserem Geschäft ein Schlüssel zum Erfolg. Das verhindert auch die Routine. Jede Gruppe ist anders.

Gleich kommen wir zum großen Coachparkplatz von Stratford, wo immer 40-50 Busse stehen; jetzt also vielleicht 10 oder 15....nein, wow, kein einziger! Eine gähnende, leere Großparkfäche,

wo es sonst immer wuselt. Ich schnappe nach Luft.


Wochenende, wunderbares Wetter, der Lockdown aufgehoben, ganz England auf den Beinen, die Stadt ist brechend voll, aber: Keine Busse, keine Reiseführer mit Schirm, Charme und Wimpel.

Ich halte meinen bunten Regenschirm trotzig in die Luft.

Stratford ohne Reisegruppen!? Was wird Shakespeare dazu sagen? Wir können ihn selbst fragen. Am Morgen, als wir noch am Flughafen sind, wird ein überlebensgroßes Bronzedenkmal von ihm in der Henleystraße, vor seinem Geburtshaus enthüllt; gestiftet von einem Gönner der Stadt. Ein neues Shakespeare-Denk-Mal! Eine Neue Interpretation des großen Meisters? Zeichen einer Neuen Zeit? Oder nur ein nächster Selfie-Hotspot?! Zumindest haben sie auf uns gewartet.

Er steht im großen Touristenstrom. Da wollen Stadtväter beeindrucken und erbauen, nicht verunsichern oder nachdenklich machen. Der Entwurf ist konventionell, von maximaler Zugänglichkeit. Die Aufstellung ist durch die Seuche verzögert worden; Der Zeitpunkt liegt auf der Schneide zwischen Ausgangssperre und ihrer Aufhebung: nicht mehr drinnen, noch nicht draußen. Shakespeare hat Sinn für Dialektik und Drama.

Ich muss sortieren: die Eisdielen, die Cafés, die Restaurants, die Devotionalien-Shops sind richtig voll...aber Bill's Geburtshaus, der New-Place, seine Schule, Halls's Croft, das Royal-Shakespeare-Theater und leider auch die Trinity-Kirche sind regelrecht verrammelt. Die Stadt brechend voll und alle Shakespeare-spezifischen Plätze geschlossen. Ich hatte immer schon den Verdacht, dass das möglich ist. Eh voilá! Aber glücklicherweise ist der Friedhof an der Dreifaltigkeitskirche, in der Will begraben liegt, zugänglich.


Die genannten „Erinnerungsstücke“ erkläre ich sowieso immer von außen, die Ausschreibung sieht auch keine Eintritte vor. Die Kirche ist allerdings meist zugänglich, wenn nicht gerade eine Hochzeit stattfindet, sozusagen auf des Meisters Grab. Auf dem Friedhof versuche ich die Menschen ins Jahr 1600 zu versetzen und trage den Eingangsmonolog von Richard III. vor. Eine Herzensangelegenheit. Ich denke schon darüber nach, ob ich in dieser Saison nicht einen Totenschädel mitnehme und - ihn betrachtend - die Frage nach Sein oder Nicht-Sein, die Frage nach Alter oder Neuer Welt deklamieren soll? Jetzt also noch mal Richard III: „Der Bösewicht in den Zeiten der Cholera“. Ich trage einen buckligen Duke of Gloucester zwischen verwitterten Grabmälern einher humpelnd vor. „...und zwar so lahm und ungeziemend, dass Hunde bellen hink' er wo vorbei.“ Der Unterschied: Ich streune nicht mehr durch das Publikum, so wie zu Shakespeares Zeiten. Ich halte jetzt 6 Meter Abstand zu meinen Gästen.


Auch nehme ich die Maske ab, die steht in keiner Regieanweisung, obwohl auch Shakespeare des öfteren seine Theater wegen „Pest und Cholera“ schließen musste. Dass ich in Stratford nicht schon über Harry Potter rede, wird allenthalben akzeptiert. Es gibt immer ein paar Hardcore Fans der Hogwarts-Schule, die sich aber nie von Anfang an outen. Auch sie können auf der Fahrt reichlich bedient werden.


Zwischen verfallenen Leichensteinen aus mehreren Jahrhunderten, die es so in Deutschland nicht gibt, und neben Williams Grabplatz, stellt sich Andacht ein – eigentlich „wie immer“.

Wenn es eine „frauenbewegte“ Gruppe ist, habe ich immer noch Virginia Woolfs tolle Geschichte von Judith Shakespeare, der fiktiven Schwester Williams, zur Hand.

Aber heute hatte ich das Publikum nicht dafür.

Auf den nächsten Tag bin ich gespannt. „Wie immer“ oder „ganz anders“. Stonehenge: die Einstimmungen im Bus, die Besichtigungsorganisation. Als wir ankommen, ist der Parkplatz voll, auch der Busparkplatz schon gut besetzt. ….aber nur mit PKW! Nur englische. Wieder: Wochenend und Sonnenschein, Aufhebung der Ausgangssperre, Bewegungsdrang. England auf befreiter Autowanderschaft. Die „Steine“, die größte Sehenswürdigkeit Englands, mit einem großen Busparkplatz...und wir sind der einzige Bus! Die Parkeinweiser lächeln uns verdutzt an: Ein unverhoffter Bote aus anderen Zeiten. Sie lassen uns aber durch. Keiner weiß, was sie mit uns machen sollen.



Vieles ist neu beim Besuch der Steine. Das wird alles erklärt. Aber kein Gruppenabfertigungsbüro. Zum Umgang mit uns schicken mich drei Angestellte in drei verschiedene Richtungen. Stonehenge hat gerade erst wieder eröffnet und Busse werden sicher noch nicht kommen. Sind die nicht noch im Zwangsurlaub?

Für die meisten Gäste ist der Aufenthalt „magisch“ und inspirierend; sie sehen ohne an ein anderes Mal zu denken im Hier und Jetzt die „Hängenden Steine“. Gut so.

Das Vexierbild in meinem Kopf war bisher zwischen „alt“ und “neu“ hin und her gekippelt. Das hier ist definitiv die „Schöne neue Welt“. Die andere, die unbekannte Wirklichkeit.

Ich möchte alle meine ReiseleiterkollegInnen zusammentrommeln und zu Zeugen anrufen: Stonehenge ohne Busse! Ich mache eine Reise, die es noch nie gegeben hat.

Für unser Metier ist es wie die erste Fahrt des Kolumbus nach Amerika; auch er wusste nicht, was vor ihm lag. Auch er sah „Unerhörtes“. Das Urteil scheint pathetisch. Es wird aber mit jedem weiteren Tag untermauert.

Soll ich mir, wie die Matrosen auf der Santa Maria, vor „Finis terrae“, vor Land's End, vor dem Ende der Welt, da wo der Ozean herunter fällt, Sorgen machen? Wir sind offensichtlich allein mit unserer Coach-Karavelle auf Hoher See? Sind wir gefährdeter, weil wir die ersten und die einzigen sind? Der Gedanke blitzt auf. Ich spüre die Verantwortung. Die Gefährdung hängt aber davon ab, wie wir uns verhalten, nicht davon, ob wir Erster, Zweiter oder Dritter sind.

Aber jede weitere Tour, die ich auf dieser Strecke machen werde, wird wie eine zweite, dritte oder vierte Fahrt des Genuesers sein: der gleicher Weg, aber mit ganz anderen Affekten. Nie mehr wird es so aufregend wie auf der ersten sein können.

Alles ist anders, aber ich weiß nie genau wie anders. Das variiert von Ort zu Ort.

Auf den langen Kreuzfahrten durch unser Revier wird mein Fahrer keinen Kollegen auf der Strecke grüßen. Wir bleiben auf sämtlichen Coach-Parkplätzen allein: in Salisbury, in Wells, in St. Ives, in Tintagel mit seiner neuen Brücke, in Oxford, in Bath, in Land's End und in Windsor.

Aber: Die Strände in St. Ives sind proppenvoll. In Land's End gibt’s lange Autoschlangen; mehr Touristen denn je. Aber keine Coachregistrierung, keine Voucher für Busfahrer und Reiseleiter. Es soll am „Ende der Welt“ vor drei Tagen ein deutscher Bus mit einer blonden Reiseleiterin gesichtet worden sein. Ich frage interessiert nach. Am Ende will nur eine Angestellte im Fremdenverkehrsbüro sie gesehen haben. Die Geschichte verlochnesst sich.

Aber es kann auch wie in Oxford sein: Schulferien, Semesterferien, Ende des Lockdowns, aber die Seuche hält an: Die Stadt ist leer und wir sind beim Besuch der Universität völlig allein. Nur: Die Colleges sind verbarrikadiert, die Innenhöfe der Bodleian Bibliothek unzugänglich. William Herbert 3rd, Earl of Pembruck, dessen Statue stattlich den Innenbezirk beherrscht, ist möglicherweise depressiv geworden. Keiner interessiert sich mehr für ihn, er, der sich sonst von morgens bis abends im touristischen Blitzlichtgewitter sonnt.

Besser trifft es Cecil Rhodes, dessen Statue auf der Hauptstraße an seinem Oriel-College so hoch angebracht ist, dass die „Black-Lifes-Matter“-Bewegung ihn nicht „vom Sockel holen“ konnte. Das könnte beim nächsten Besuch, wenn die internationale Studentenschaft wieder da ist, schon anders sein.

Shakespeare wird ein weiteres Mal aufgestellt; er ist ein Mann für alle Jahrhunderte. Zeitlos. Rhodes steht nur für die Epoche des Imperialismus. Geht die jetzt endgültig auch in den Köpfen zu Ende? Passen seine Denkmäler nicht mehr in die Neue Zeit? Zeitenwende? Rhodes bleibt hochgradig sturzgefährdet. Schön, dass wir ihn noch gesehen haben.

Auf dem Radcliffe Square sind wir wunderbar allein. Man könnte bei einem Eröterungsgespräch über die Dinge, die wir sehen, flüstern; man kann sich überhaupt unterhalten, wo ich sonst immer nur laut gegen etwas anreden muss.

Wir werden in den Hotels herzlich, sehr herzlich begrüßt, fast hätten sie uns einzeln umarmt. Natürlich sind wir immer die einzige Gruppe. Sie tanzen uns die Corona-Regeln etwas ungelenkt vor. Nach 3/4 Monaten eingefrorenem Betrieb läuft alles noch etwas steif, der Staub ist noch nicht überall wieder zum Verschwinden gebracht worden. Das Personal ist nervös. Sie führen mit uns die „Wiedereröffnung“ ihres Hotels durch. Wir sind VIP's und Versuchskaninchen zugleich.

Die Gäste haben von meinen Empfindungen nicht viel mitgekommen. Und sie selbst können sie nicht gehabt haben. Ihnen fehlt der Vergleich. Vielleicht haben sie mich mal den Kopf in mich hinein schütteln sehen - staunend und dankbar, im Anblick einer Welt, die ich so noch nie gesehen hatte.

Eine Woche später bin ich wieder in Stonehenge: Jetzt treffen wir dort auf zwei weitere Reisebusse.

Keiner weiß wie es weiter geht.

Ich hoffe, dass bald alle wieder draußen sind – wie „früher“, aber das wird es wohl nie mehr geben.

Ist die „Alte Welt“ für immer verschwunden? Ich bin auf alle Fälle ein erstes Mal in der Neuen Welt angekommen.

Tochter von Karl mit einem kleinen Willkommensgeschenk für unsere Gäste

Autor: Karl Ludwig Reinders

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